Zugegeben: Auf den ersten Blick ist es für den Laien schwer zu durchblicken, was insbesondere die jüngsten Kunstwerke von Frank B. Ehemann ausdrücken wollen. Allerdings lohnt es sich, seine Sinne zu justieren und die eine oder andere Minute einzutauchen – in die Welt der Doppeldeutigkeit und Verschlüsselungen.

Die Bilder, die Ehemann einem anvertraut, ja einem manchmal gar zumutet, sie lassen sich erst nach und nach und nur bei genauerem Hinsehen erfassen. So wirkt manches Bild auf den ersten Blick geradezu plakativ bis provozierend – etwa wenn wir auf einem seiner Werke eine nackte Frau betrachten dürfen, deren Körper Schubladen besitzt und die gleichzeitig Degen und Verbandszeug in Händen hält.

Vorher: Seine realen Begegnungen mit Salvador Dalí bereits in den 70er Jahren sind unverkennbar, auch wenn manche von Dalí gemalte Symbole auch in Ehemanns Werken zu finden sind, allerdings zuweilen in einem völlig anderen Kontext.

Mit 17, so sagt er, „hörte ich mit dem Ablichten von schönen Landschaften, Bergen und  Seen ferner Länder auf, das wurde mir einfach zu trivial.“

Frank B. Ehemann arbeitete zunächst als Werbefotograf in einem der größten Fotostudios Europas und machte sich in seinem 20. Lebensjahr und hoch motiviert mit eigenem Studio selbständig.

Unter dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ setzte er Maßstäbe in der Fotografie von Anzeigen, Titel- oder Blickpunktseiten für Schmusewolle und Schokoladenquadrate, weiße Riesen und lila Kühe, Generäle und Bausparfüchse oder Frau Antje und Käse aus Holland.

Mitunter baute er mit seinen beiden Assistenten tagelang an einem einzigen Bild.

Er belichtete einen 18x24cm Diapositivfilm mit bis zu drei Großbildkameras gleichzeitig. Hierfür wurden Licht, Aufbau oder Maskierungen nach einem ausgefeilten Regieplan sogar während der Belichtung verändert, um die erdachte und vorab skizzierte Bild-Szene stattfinden zu lassen. Heute wäre dieser gigantische Aufwand von damals durch ein paar Mausklicks zu erreichen.

Zu seinem 30. Geburtstag und 10-jährigen Geschäftsjubiläum war Frank Ehemann finanziell so stark, dass er sein Fotostudio einem damaligen Freund überließ und der Werbung den Rücken kehrte. Sein unruhiger Geist, neugierig auf das Leben und neue Aufgaben mündeten nunmehr in einer rasanten Achterbahnfahrt, die ihn am Ende in wirtschaftlicher und seelischer Hinsicht zum Absturz brachte. Deshalb zog er sich in sein ehemaliges Wochenendhaus am See zurück, um dort Kraft zu schöpfen und sich wieder zu finden.

In dieser Abgeschiedenheit, fern von jeglichem „Mainstream“ wurde er zunächst von Wechselbädern zwischen Glücksmomenten und Depressionen geschüttelt, die ihn mehr und mehr zu einem nachdenklichen Menschen formten. „Viele komplexe Gedanken über Mensch und Leben drohten meinen Kopf zum Bersten zu bringen,“ so Ehemann. „Da hatte ich die Vision, Kunstwerke zu schaffen, die meine Gedanken in sich bündeln und meinen Kopf vielleicht entlasten würden, indem sie diese quasi wie die externe Festplatte eines Computers aufnehmen und komprimieren,“ so Ehemann weiter.

Heute ist es ganz offensichtlich, dass alle gesammelten Erfahrungen eingeflossen sind, welche, gepaart mit Fleiß, technischem „Know-How“ und „Know-Why“, seinen einzigartigen Kunstwerken eine tiefe und vielschichtige Bildsprache verleihen.

Ein Maler fügt hierzu seine Gedankenwelt „einfach“ mit dem Pinsel auf die Leinwand. Ehemann dagegen wählt die Kamera als Werkzeug, um die Realität der zugrundeliegenden Geschichten zu unterstreichen. Er greift Momente aus gewohnten Zusammenhängen und schafft durch die Wahl von Perspektive und Technik immer wieder neue Sehgewohnheiten. Beim Betrachten der surreal geerdeten Fotografien erscheint einem der Künstler dabei als Meister des Experiments, zumal er sein vielseitiges Oeuvre zwischen Montage, Lichtexperimenten, Vergangenheit, Momentaufnahmen, Zeitgeschehen, Moral oder persönlichen Befindlichkeiten anlegt. Die Intensivsten seiner Arbeiten schlagen dabei mutig einen Salto mortale zwischen Ästhetik und Surrealismus.

So war auch für den neuen Zyklus „HUMANITIES“ kein Aufwand zu groß, keine Reise zu weit, um wahre Geschichten auf eine scheinbar surreale Bühne zu bringen.

Und sein Perfektionismus kennt keine Hindernisse, auch nicht, wenn er für eine Idee beispielsweise ein taufrisches Menschenherz, einen lebendigen Steinadler oder Pfeil und Bogen eines alten Indianers aus dem Wilden Westen benötigt.

Anderthalb Jahre zielgerichteter und intensiver Arbeit stecken allein in diesem Zyklus, mit dem Ergebnis gestochen scharfer und metergroßer Dramaturgien auf Leinwand. Erstmalig liefert Ehemann zu diesen Motiven dreizeilige Bildbeschreibungen im 5-7-5-Silben-Takt, ähnlich der Haiku genannten japanischen Gedichtform. Sie dienen dem Betrachter als Hinweise auf das vom Künstler Gemeinte, schränken ihn aber in dessen eigener Interpretation nicht ein.

Jedes Detail in Frank B. Ehemanns Inszenierungen ist wohl überlegt, weil er damit etwas über Menschen und Emotionen erzählen möchte. Ob die gewählten Räume, das Draußen, Licht oder bei der Aufstellung der Protagonisten: Nichts ist zufällig – alles ist mit Symbolik besetzt. Dabei geht mehr oder weniger immer um Liebe, um emotionale Kompetenz, Abgrund und Aufstieg, Macht und Ohnmacht.

Frank B. Ehemann lebt seine Werke und atmet ihre Geschichten 20 Stunden am Tag und nachts wird von ihnen geträumt. Seine Kunstwerke wollen deshalb mit Muße wahrgenommen werden – nur dann erschließen sie sich voll und ganz und schenken dem Betrachter ihren besonderen Reichtum. Der Betrachter, der sich Zeit nimmt und mutig in einen intimen Dialog mit dem Werk tritt, sich auf seine scheinbar real existierenden und gleichzeitig unwirklichen Inszenierungen einlässt, wird erstaunt sein, welche Geschichte sie erzählen …